Pippa Goldschmidt, Von der Notwendigkeit den Weltraum zu ordnen

Diese Sammlung von 17 Kurzgeschichten bewegt sich an der Schnittstelle von Naturwissenschaft und Literatur. Die Texte greifen astrophysikalische Themen auf, bleiben dabei aber nie abstrakt. Im Zentrum stehen immer Menschen — und die Bedingungen, unter denen Wissen entsteht.

In „Der erste Stern“ geht es um eine sogenannte Rechnerin, eine junge Frau, die Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Sternwarte arbeitet. Ihre Aufgabe besteht darin, Sterne zu vermessen und zu klassifizieren — eine Tätigkeit, die viel Präzision verlangt und dennoch lange unsichtbar geblieben ist. Die Geschichte macht spürbar, wie sehr wissenschaftliche Arbeit von Strukturen geprägt ist, in denen bestimmte Leistungen kaum wahrgenommen werden.

Auch „Wie korrekt muss man sein (um im Leben etwas zu erreichen)“ erzählt von einer Astrophysikerin, deren Beitrag zu einer Entdeckung nicht anerkannt wird. Catherine, eine Astrophysikerin, entdeckt dass ein Asteroid nur knapp die Erde verfehlen wird. Doch im entsprechenden Paper, in dem ihr Forschungsteam die Ergebnisse zu dem Asteroiden veröffentlicht, wird ihre Leistung an der Entdeckung nicht angemessen gewürdigt. Statt wissenschaftlicher Sichtbarkeit erhält sie öffentliche Aufmerksamkeit: Sie darf zu einem Fernsehinterview, das zu diesem Ereignis geplant ist. Als sie erkennt, dass sie auch für den Journalisten nur die leichte Unterhaltung am Ende der Nachrichten ist, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung.

Dies sind nur zwei Beispiele für Erzählungen, in denen Pippa Goldschmidt Frauen und ihre Rolle im naturwissenschaftlichen Gefüge thematisiert. Immer wieder geht es in ihren Kurzgeschichten um Sichtbarkeit und Zuschreibung und um die Frage, wer als Teil der Wissenschaft gilt und wer nicht.

Daneben treten historische Figuren auf ind den Geschichten auf: Robert Oppenheimer, Albert Einstein oder Alan Turing. Auch sie erscheinen nicht als ferne Größen, sondern als Menschen, die in bestimmte politische und gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden sind. In „Helden und Feiglinge“ etwa verschiebt sich der Blick ins Los Angeles der McCarthy-Ära, wo Bertolt Brecht gemeinsam mit Charles Laughton an einer englischen Fassung von Das Leben des Galilei arbeitet.

Was die Geschichten verbindet, ist ein eher zurückhaltender Ton. Die Texte erklären wenig, sie führen nicht aus, sondern setzen Situationen. Darin liegt eine gewisse Nüchternheit, die immer wieder von etwas Melancholischem durchzogen ist.

Zoë Beck, in deren Verlag Culturbooks der Titel erschienen ist, hat das Buch stilsicher und mit viel Sprachgefühl ins deutsche übersetzt.

Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass die Figuren nicht ausgestellt werden. Auf diese Weise gelingt es Pippa Goldschmidt, dass die beschriebenen Figuren und Persönlichkeiten den Lesenden auf Augenhöhe begegnen. Große Namen verlieren dabei von ihrer Unnahbarkeit, ohne an Bedeutung zu verlieren.

Vielleicht ist das die eigentliche Stärke des Buches: Es bringt wissenschaftliche Geschichte und persönliche Erfahrung zusammen, ohne sie gegeneinander auszuspielen.

Pippa Goldschmidt, Von der Notwendigkeit den Weltraum zu ordnen

Aus dem Englischen von Zoe Beck

Kurzgeschichten, 223 Seiten

20,00 €

ISBN: 978-3-95988-098-5

Culturbooks Verlag

2018

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