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Mely Kiyak, Frausein

In diesem Büchlein von nur 127 Seiten gelingt Mely Kiyak eine unheimlich dichte Erzählung, die die Lesenden auf eine Reise durch ihr Leben mitnimmt. Mely Kiyak schreibt über ihre Kindheit, zu der auch Übungen in Demüt und Gefügigkeit als Bestandteil ihrer Erziehung gehörten, über philosphische Gespräche mit ihrem Vater, über ihre Auflehnung, die spät kam und ziemlich ungelenk verlief. Sie schreibt über das Leben als Schriftstellerin, über ihre Familie in Deutschland und die in der Türkei. Und sie schreibt über das Leben der sogenannten „Gastarbeiter“-Generation und ihren Kindern:

„In der Familie galt die Anweisung, die Lebenswelt der Eltern zu verlassen. Man soll aufsteigen und es besser haben. Die Gesellschaft aber signalisiert das Gegenteil von dem, was die Gastarbeitereltern sich für ihre Kinder wünschen. Aus Sicht der deutschen Gesellschaft soll man bleiben, wer und vor allem wo man ist.“ (S. 29)

Wie beiläufig greift die Autorin in dem Text die großen Themen des Lebens und des Frauseins auf. Neben Gehorsamkeit und Aufbegehren geht es auch um die Entdeckung des eigenen Körpers, um sexuelle Belästigung in der Schule und um Verkupplungsversuche in der Heimat der Eltern während der Sommerferien.

Die Sprache, in der Mely Kiyak aus ihrem Leben auf dem Weg zum Frausein berichtet, ist klar, direkt und leicht verständlich. Die Präzision der einzelnen Worte und Sätze haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen und mich immer wieder zum Nachdenken angeregt. Gleichzeitig schwingt in den sorgfältig gewählten Sätzen immer auch eine Brise Humor mit. Es fällt leicht, dieses gehaltvolle Buch zu lesen. Und es macht Spaß, gemeinsam mit der Autorin die unterschiedlichen Facetten ihres Frauseins zu entdecken.

Denn das ist eine weitere Stärke des Buches: In ihm geht es nicht um feministische Thesen, die nach Allgemeingültigkeit streben. Es geht vielmehr um die sehr persönliche Spurensuche der Autorin durch durch ihr Leben, um die Bedeutung ihrer individuellen Weiblichkeit zu ergründen.

Eine weitere Stärke der Erzählung ist, dass sich die Ich-Erzählerin in keiner Weise als Opfer des männlichen Geschlechts versteht. Im Gegenteil: Kiyak gelingt es, die familiären und gesellschaftlichen Strukturen offenzulegen, die – in diesem Fall – allen Geschlechtern (ich erweitere das auf alle Geschlechtsidentitäten) nur einen begrenzten Handlungsspielraum zugestehen, um nicht aus der zugewiesenen Rolle zu fallen. Und aus dem es sich zu befreien gilt.

Mit dem Buch gelingt Mely Kiyak etwas Besonderes: Sie spricht große gesellschaftliche Themen an, sie legt gerne den Finger in die Wunde der Gesellschaft, ohne jedoch schulmeisterlich rüberzukommen oder übertrieben zu moralisieren. Indem sie von ihren persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen auf dem Weg zum Frausein berichtet, regt sie dazu an, der eigenen Geschichte des Frauwerdens und -seins nachzuspüren und sie noch einmal zu überdenken.

Das Buch wurde 2021 mit dem Literaturpreis der BücherFrauen „Christine“ ausgezeichnet, der mit 10.000 € dotiert ist.

Mely Kiyak, Frausein

7. Auflage 2021, 127 Seiten

18,00 €

ISBN 978-3-446-26746-6

Hanser Literaturverlage